top of page

Sonderreportage aus einer anderen Dimension:

Autorenbild: Tine Kerst
Tine Kerst
6. Juni
7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 5 Tagen



Warum finden wir keine Ruhe?


Als ich die Einladung erhielt, hielt ich sie zunächst für einen Scherz.


„Internationale Konferenz zur inneren Ruhe. Teilnehmer: Freud, Buddha, ein Stoiker, ein Vedanta-Gelehrter, Vera F. Birkenbihl, Gerald Hüther, Paul Watzlawick, Albert Einstein und eine Quanten-KI aus dem Jahr 2175.“


Ort der Veranstaltung: unbekannt.

Dresscode: Bewusstsein.


Neugierig betrat ich den Konferenzsaal.


Er sah aus wie eine Mischung aus antikem Tempel, modernem Hörsaal und Raumschiff. In der Mitte stand ein großer runder Tisch. Die Teilnehmer hatten bereits Platz genommen.

Freud zündete sich gedanklich eine Zigarre an.


Buddha lächelte.


Der Stoiker wirkte, als könne ihn selbst ein Meteoriteneinschlag nicht aus der Ruhe bringen.


Die Quanten-KI pulsierte in einem bläulich schimmernden Lichtwürfel.


Das Thema des Abends:


Warum fällt es so vielen Menschen so schwer, innere Ruhe und Ausgeglichenheit zu finden?

Eine Frage, die offenbar seit Jahrtausenden unbeantwortet geblieben war.


Der erste Schlagabtausch


Den Anfang machte Freud.

„Ganz einfach“, sagte er.

„Der Mensch wird von Kräften gesteuert, die ihm selbst kaum bewusst sind. Er glaubt, Herr im eigenen Haus zu sein, während im Keller längst andere Entscheidungen getroffen werden.“


Einige nickten.


Viele Menschen würden Ruhe suchen, erklärte Freud, ohne überhaupt zu wissen, wovor sie eigentlich davonlaufen.

Sie versuchen ihre Unruhe zu bekämpfen.

Doch oft bekämpfen sie lediglich die Symptome.

Der eigentliche Konflikt sitzt tiefer.

Manchmal viel tiefer.


Gerald Hüther erhebt Einspruch


„Das stimmt teilweise“, sagte der Neurobiologe.

„Aber wir sollten das Gehirn nicht vergessen.“

Er zeigte auf eine riesige Darstellung eines menschlichen Gehirns.

„Viele Menschen leben heute in einem Zustand permanenter Alarmbereitschaft.“

Mails.

Nachrichten.

Termine.

Nachrichten über Nachrichten.

Kommentare über Kommentare.

Empörung über Empörung.


Das Gehirn bekomme kaum noch Gelegenheit, in einen Zustand tiefer Regeneration zurückzukehren.

„Der Mensch wurde nicht dafür gebaut, jeden Tag 500 kleine Krisen gleichzeitig zu bearbeiten.“

Der Saal lachte.

Einige Zuschauer sahen schuldbewusst auf ihre Smartphones.


Vera F. Birkenbihl meldet sich


„Ich glaube, wir machen noch einen weiteren Fehler.“

Sie lächelte verschmitzt.

„Wir versuchen ständig Probleme direkt zu lösen.“

Auf einer Leinwand erschien ein großes Wort:


DENKEN


Daneben erschien:


GRÜBELN


„Die meisten Menschen verwechseln diese beiden Dinge.“


Erneutes Gelächter.


Sie erklärte, dass viele Menschen glauben, sie würden über ihre Probleme nachdenken.

Tatsächlich drehen sie dieselben Gedanken zum dreihundertsten Mal im Kreis.

Wie ein Hamster.

Mit Universitätsabschluss.

Und WLAN.


Jetzt wird es philosophisch


Der Stoiker räusperte sich.

„Die Menschen leiden hauptsächlich an einem alten Problem.“

„Welchem?“

„Sie versuchen ständig Dinge zu kontrollieren, die sie nicht kontrollieren können.“


Ein Raunen ging durch den Saal.


Er fuhr fort:

„Das Wetter.

Die Vergangenheit.

Andere Menschen.

Den Aktienmarkt.

Die Meinung des Nachbarn.

Die Stimmung des Partners.

Den Alterungsprozess.“


Er machte eine Pause.


„Und wundern sich anschließend über ihre Unruhe.“


Plötzlich wurde es sehr still.


Buddha lächelt


Er hatte bisher kaum gesprochen.

Nun blickte er in die Runde.


„Der Mensch möchte festhalten.“


Mehr sagte er zunächst nicht.

Alle warteten.


„Festhalten an Gedanken.

An Vorstellungen.

An Erwartungen.

An Identitäten.

An Geschichten über sich selbst.“


Er lächelte erneut.

„Und genau dadurch entsteht Leiden.“


Der Stoiker nickte.


Freud runzelte die Stirn.


Die Quanten-KI berechnete offenbar 14 Milliarden mögliche Bedeutungen dieses Satzes.


Der Vedanta-Gelehrte hebt den Finger


„Ich möchte noch etwas ergänzen.“

„Bitte.“

„Die meisten Menschen verwechseln sich mit ihren Gedanken.“


Jetzt wurde es interessant.


„Sie sagen:

Ich bin gestresst.

Ich bin wertlos.

Ich bin gescheitert.

Ich bin unruhig.

Doch wer beobachtet all diese Gedanken?“


Stille.


„Vielleicht bist du gar nicht der Sturm.“

Er blickte in die Runde.

„Vielleicht bist du der Himmel.“


Für einen Moment schien der gesamte Saal innezuhalten.

Sogar die KI reduzierte ihre Rechenleistung.


Paul Watzlawick kann sich ein Grinsen nicht verkneifen


„Darf ich?“

Natürlich durfte er.


„Viele Menschen erschaffen ihre Unruhe selbst.“

„Wie bitte?“

„Indem sie versuchen, sie mit Gewalt loszuwerden.“


Nun wurde es paradox.


Und damit typisch Watzlawick.

„Je mehr jemand versucht einzuschlafen, desto wacher wird er.“

„Je mehr jemand Ruhe erzwingen möchte, desto unruhiger wird er.“

„Je mehr jemand kontrollieren will, desto mehr Kontrollverlust erlebt er.“


Er lächelte zufrieden.

„Der Mensch ist ein Meister darin, seine Probleme durch Lösungsversuche zu vergrößern.“


Der Saal brach in Gelächter aus.

Weil jeder wusste:

Er hatte recht.


Die Quanten-KI analysiert die Menschheit


Nun war der futuristische Lichtwürfel an der Reihe.


Eine angenehme Stimme erklang.

„Nach Analyse von 847 Milliarden menschlichen Lebensläufen lautet meine Diagnose:“


Der gesamte Saal hielt den Atem an.


„Die meisten Menschen leben entweder gestern oder morgen.“

Auf den Bildschirmen erschienen Datenströme.

„53 Prozent beschäftigen sich überwiegend mit Vergangenem.

42 Prozent mit Zukünftigem.

Nur ein sehr kleiner Teil erlebt tatsächlich den gegenwärtigen Moment.“


Die KI machte eine Pause.

„Bemerkenswert ist außerdem, dass Menschen oft glauben, sie würden Ruhe suchen.“

„Und?“

„In Wahrheit suchen sie Ablenkung.“

Treffer.

Versenkt.


Die Diskussion war bereits in vollem Gange.

Freud sprach über unbewusste Konflikte.

Hüther über ein überlastetes Gehirn.

Birkenbihl über die Kunst, Grübeln mit Denken zu verwechseln.

Der Stoiker über Kontrolle.

Buddha über das Loslassen.

Der Vedanta-Gelehrte über das wahre Selbst.

Watzlawick über die erstaunliche Fähigkeit des Menschen, seine Probleme selbst zu erschaffen.

Die Quanten-KI hatte gerade verkündet, dass die Mehrheit der Menschheit entweder in der Vergangenheit oder in der Zukunft lebt.


Da geschah etwas Unerwartetes.

Die Tür öffnete sich.

Zu spät.

Natürlich zu spät.

Wer sonst hätte das sein können?


Ein älterer Herr mit zerzaustem Haar trat herein, als wäre er gerade mitten in einem Gedankenexperiment falsch abgebogen.

Unter dem Arm trug er einige lose Blätter.

In den Augen jenes besondere Funkeln, das man nur bei Menschen sieht, die das Universum regelmäßig mit schwierigen Fragen belästigen.


Es war Einstein.

Einstein kommt zu spät – aber nicht zu spät genug


„Entschuldigen Sie die Verspätung“, sagte er.

„Die Zeit ist komplizierter, als die meisten Menschen glauben.“


Die Quanten-KI schien kurz irritiert.


Der Stoiker blieb stoisch.


Freud murmelte etwas von Verdrängung.


Einstein nahm Platz.

„Worüber sprechen wir?“


„Über innere Ruhe.“


„Ah.“

Er nickte langsam.

„Dann sprechen wir eigentlich über dieselbe Sache wie immer.“


„Und die wäre?“


„Die Beziehung des Menschen zur Wirklichkeit.“


Der Saal wurde still.


Die Sache mit dem Denken


Einstein blickte in die Runde.

„Wissen Sie, was mich immer fasziniert hat?“


Niemand antwortete.


„Der Mensch besitzt ein außergewöhnliches Werkzeug.“


„Das Gehirn?“, fragte Hüther.


„Ja. Und genau das ist manchmal das Problem.“


Gelächter.


„Der Verstand ist ein hervorragender Diener.“

Er machte eine Pause.

„Aber ein schrecklicher Herrscher.“


Nun nickte sogar Buddha.

„Viele Menschen verbringen ihr Leben damit, Gedanken über Gedanken über Gedanken zu produzieren.“

Er lächelte.

„Und wundern sich anschließend, warum sie erschöpft sind.“


Die größte Illusion


Dann stand Einstein auf und begann langsam durch den Saal zu gehen.

„Die meisten Menschen glauben, sie seien von Problemen umgeben.“


Er blieb stehen.

„In Wahrheit sind sie oft von Interpretationen umgeben.“


Watzlawick grinste sofort.

Offenbar gefiel ihm dieser Gedanke.

„Zwei Menschen erleben dieselbe Situation.“

„Der eine zerbricht daran.“

„Der andere wächst daran.“


Einstein hob die Schultern.

„Was ist der Unterschied?“


Niemand antwortete.


„Nicht die Wirklichkeit.“

„Sondern die Bedeutung, die wir ihr geben.“


Watzlawick applaudierte als Erster.


Die Falle des ewigen Später


Nun schaltete sich die Quanten-KI wieder ein.

„Meine Berechnungen bestätigen diese Aussage.“


Einstein lachte.

„Dann sind wir uns ja einmal einig.“


Er wandte sich an das Publikum.

„Wissen Sie, was mir im Laufe meines Lebens aufgefallen ist?“


„Die Menschen verschieben ihr Glück ständig.“


Einige Zuschauer wurden plötzlich sehr aufmerksam.


„Wenn ich erst genug Geld habe ...“

„Wenn ich erst in Rente bin ...“

„Wenn die Kinder aus dem Haus sind ...“

„Wenn ich zehn Kilo abgenommen habe ...“

„Wenn mein Chef anders wäre ...“

„Wenn mein Partner sich ändern würde ...“


Er lächelte.

„Das Universum kennt viele erstaunliche Phänomene.“

„Aber das merkwürdigste ist vermutlich die menschliche Fähigkeit, das Leben auf später zu verschieben.“


Buddha nickt zustimmend

„Sehr wahr“, sagte Buddha.

„Der Mensch sitzt oft am Ufer des Flusses und wartet darauf, dass das Wasser aufhört zu fließen.“


Einstein lachte laut.

„Das gefällt mir.“

„Und?“

„Er merkt nicht, dass das Leben genau jetzt vorbeifließt.“


Die überraschende Verbindung


Nun entstand etwas Seltenes.

Alle Teilnehmer schienen plötzlich derselben Meinung zu sein.


Freud sprach von unbewussten Mustern.

Hüther von neuronalen Gewohnheiten.


Birkenbihl von Denkprogrammen.


Watzlawick von selbst erzeugten Problemen.


Der Stoiker von falschen Erwartungen.


Buddha von Anhaftung.


Der Vedanta-Gelehrte von Identifikation.


Einstein hörte aufmerksam zu.

Dann sagte er:

„Vielleicht beschreiben wir alle dieselbe Landschaft – nur mit unterschiedlichen Landkarten.“


Der Saal verstummte.

Denn jeder spürte:

Genau darum ging es.



Die überraschende Schlussrunde


Nach Stunden intensiver Diskussion einigte sich die Runde schließlich auf einen gemeinsamen Nenner.


Die Ursachen für Unruhe mögen unterschiedlich sein.

Doch sie scheinen alle auf dieselbe Richtung hinzuweisen.

Der Mensch verliert den Kontakt zu sich selbst.

Er identifiziert sich mit Gedanken.

Er kämpft gegen die Realität.

Er will kontrollieren, was nicht kontrollierbar ist.

Er rennt vor unangenehmen Gefühlen davon.

Er verwechselt Beschäftigung mit Lebendigkeit.

Und Aktivität mit Sinn.


Einsteins letzte Botschaft


Bevor die Konferenz endete, durfte jeder Teilnehmer noch einen Rat geben.


Freud:„Werde dir bewusst, was in dir wirkt.“


Hüther:„Schaffe Räume, in denen dein Gehirn aufatmen kann.“


Birkenbihl:„Verwechsle Grübeln nicht mit Denken.“


Watzlawick:„Höre auf, Probleme durch übertriebene Lösungsversuche zu vergrößern.“


Der Stoiker:„Konzentriere dich auf das, was in deiner Macht liegt.“


Der Vedanta-Gelehrte:„Du bist mehr als deine Gedanken.“


Buddha:„Lass los.“


Die Quanten-KI:„Die gesuchte Ruhe befindet sich nicht in der Zukunft.“


Dann blickten alle zu Einstein.


Er dachte einen Moment nach.

Wirklich nach.

Nicht so, wie wir Menschen nachdenken, während wir gleichzeitig Nachrichten lesen, Kaffee trinken und uns Sorgen über morgen machen.


Dann sagte er:

„Der Mensch verbringt viel Zeit damit, das Universum verstehen zu wollen.“

Er lächelte.

„Vielleicht wäre es manchmal klüger, einfach einen Augenblick Teil davon zu sein.“


Als die Teilnehmer den Saal verließen, blieb Einstein noch kurz an der Tür stehen.

Er blickte zurück.

„Ach übrigens“, sagte er.

„Es gibt zwei Arten zu leben.“


Der Saal wurde noch einmal still.


„Entweder so, als wäre nichts ein Wunder.“

„Oder so, als wäre alles eines.“


Dann ging er hinaus.


Und für einen kurzen Moment hatte niemand das Bedürfnis, etwas hinzuzufügen.


Auf dem Heimweg bemerkte ich etwas Seltsames.

Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich vergessen, auf mein Handy zu schauen.

Und genau in diesem Augenblick verstand ich, worüber die ganze Konferenz eigentlich gesprochen hatte.




Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
bottom of page