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Glück kann man lernen (Teil 5)

Autorenbild: Tine Kerst
Tine Kerst
vor 3 Tagen
8 Min. Lesezeit


Was du beeinflussen kannst, darfst du verändern. Was nicht, darfst du loslassen.


Die vielleicht befreiendste Idee der Stoiker – und was die moderne Stressforschung dazu sagt


Stell dir vor, du hast einen dieser Tage.

Du wachst auf und schon vor dem ersten Kaffee läuft dein inneres Beschwerdemanagement auf Hochtouren.

Der Kollege nervt.

Die Nachricht von gestern lässt dich nicht los.

Das Wetter spielt nicht mit.

Jemand hat etwas versprochen und nicht gehalten.

Ein Mensch verhält sich völlig anders, als du es für richtig hältst.

Und dann kommt dieser eine Gedanke:

„Das kann doch nicht sein!“

Doch.

Es kann.

Und genau hier beginnt unser heutiges Thema.

Denn eine der wichtigsten Fragen für ein zufriedeneres Leben lautet nicht:

„Wie bekomme ich alles unter Kontrolle?“

Sondern:

„Was davon liegt überhaupt in meiner Hand?“

Diese Frage ist mehr als eine philosophische Spielerei.

Sie kann darüber entscheiden, ob wir unsere Energie sinnvoll einsetzen – oder sie stundenlang an Dinge verlieren, die wir nicht verändern können.


Ein Gespräch mit Epiktet

Wenn ich für diesen Artikel einen Experten an einen Tisch holen dürfte, wäre meine erste Wahl Epiktet.

Ein Mann, der vor fast 2.000 Jahren lebte und zunächst als Sklave geboren wurde.

Kein besonders komfortabler Ausgangspunkt für ein Seminar über Lebenszufriedenheit.

Und doch entwickelte er eine Philosophie, die bis heute erstaunlich modern wirkt.

Sein Gedanke war radikal einfach:

Es gibt Dinge, die von uns abhängen – und Dinge, die nicht von uns abhängen.

Unsere Entscheidungen.

Unsere Haltung.

Unser Handeln.

Unsere Reaktion.

Darauf können wir Einfluss nehmen.

Auf die Meinung anderer Menschen?

Nicht vollständig.

Auf die Vergangenheit?

Nein.

Auf das Wetter?

Leider ebenfalls nein.

Auf die Tatsache, dass andere Menschen manchmal erstaunlich andere Vorstellungen davon haben, wie sie sich verhalten sollten?

Ganz eindeutig: ja, leider auch nein.

Und genau hier beginnt unsere alltägliche Verwechslung.

Wir versuchen häufig, Dinge zu kontrollieren, die sich unserer Kontrolle entziehen.


Der Kontroll-Irrtum

Nehmen wir eine ganz gewöhnliche Situation.

Du schreibst einem Menschen eine Nachricht.

Du formulierst sie sorgfältig.

Du schickst sie ab.

Und dann passiert:

Nichts.

Keine Antwort.

Eine Stunde.

Drei Stunden.

Ein Tag.

Und plötzlich beginnt dein Kopf zu arbeiten.

Warum antwortet er nicht?

Habe ich etwas Falsches geschrieben?

Ist er sauer?

Warum behandelt er mich so?

Was soll das?

Bemerkenswert ist:

Das eigentliche Ereignis ist winzig.

Eine Nachricht wurde noch nicht beantwortet.

Doch unser Gehirn produziert daraus eine ganze Geschichte.

Und während wir auf eine Reaktion warten, geben wir einen Teil unserer Aufmerksamkeit gleich mit ab.

Genau hier hätte Epiktet vermutlich freundlich gefragt:

„Was davon liegt in deiner Hand?“

Die Nachricht wurde geschrieben.

Das war dein Anteil.

Ob und wann der andere antwortet, ist sein Anteil.

Alles Weitere ist Spekulation.

Und Spekulation kann erstaunlich viel Energie verbrauchen.


Die moderne Forschung kommt ins Spiel

Nun wechseln wir vom antiken Griechenland in ein modernes Forschungslabor.

Denn die Frage nach Kontrolle beschäftigt auch die Psychologie und Stressforschung seit Jahrzehnten.

Das Konzept der wahrgenommenen Kontrolle beschreibt vereinfacht gesagt, wie stark ein Mensch erlebt, Einfluss auf eine Situation nehmen zu können.

Forschungsarbeiten zeigen Zusammenhänge zwischen wahrgenommener Kontrolle, Stressverarbeitung und psychischem Wohlbefinden. Besonders interessant: Schon das Erleben von Einflussmöglichkeiten kann die Reaktion auf belastende Situationen verändern. (DOI)

Neuere Forschung betrachtet wahrgenommene Kontrolle sogar als möglichen Resilienzfaktor und untersucht Zusammenhänge mit neuronalen, hormonellen und emotionalen Stressreaktionen. (Nature)

Das bedeutet nicht:

„Wenn du nur positiv denkst, verschwindet dein Stress.“

So einfach ist es nicht.

Es bedeutet etwas viel Interessanteres:

Das Gefühl, handlungsfähig zu sein, spielt für unsere Stressverarbeitung eine wichtige Rolle.

Und genau hier treffen sich moderne Psychologie und alte Philosophie.


Marcus Aurelius:

Der Kampf findet oft an einer anderen Stelle statt

Auch Marcus Aurelius beschäftigte sich immer wieder mit der Frage, wie wir mit äußeren Ereignissen umgehen.

Eine seiner zentralen Überlegungen lautet sinngemäß:

Nicht das äußere Ereignis allein bestimmt unser Erleben, sondern auch das Urteil, das wir darüber fällen.

Das ist ein entscheidender Unterschied.

Jemand kritisiert dich.

Das ist passiert.

„Diese Kritik beweist, dass ich nichts kann.“

Das ist eine Interpretation.

Jemand sagt eine Verabredung ab.

Das ist passiert.

„Ich bin diesem Menschen offensichtlich nicht wichtig.“

Wieder eine Interpretation.

Du machst einen Fehler.

Das ist passiert.

„Ich bin unfähig.“

Wieder eine Interpretation.

Zwischen Ereignis und Bedeutung liegt ein Raum.

Und in diesem Raum beginnt unsere Freiheit.


Der kleine Raum zwischen Reiz und Reaktion

Hier treffen sich Stoizismus, Psychologie und Achtsamkeit auf faszinierende Weise.

Denn genau diesen Zwischenraum können wir trainieren.

Nicht immer.

Nicht sofort.

Und schon gar nicht in jeder emotional aufgeladenen Situation.

Aber immer öfter.

Du bemerkst:

„Ich bin gerade wütend.“

Und statt sofort zu reagieren, entsteht ein winziger Moment.

Ein Atemzug.

Eine Pause.

Ein inneres:

„Stopp. Was passiert hier gerade?“

Das Gefühl darf da sein.

Aber du musst nicht automatisch nach seinem Drehbuch handeln.

Das ist ein gewaltiger Unterschied.


Ein Experiment für echte Situationen

Ich möchte dir deshalb keine komplizierte Methode geben.

Sondern einen kleinen Satz.

Wenn dich in den nächsten Tagen etwas aufregt, frag dich:

„Was genau liegt gerade in meiner Hand?“

Nicht:

„Wie bringe ich den anderen dazu, sich zu ändern?“

Nicht:

„Wie bekomme ich diese Situation weg?“

Sondern:

„Was kann ich jetzt tatsächlich tun?“

Vielleicht kannst du ein Gespräch führen.

Eine Grenze setzen.

Eine Entscheidung treffen.

Eine Aufgabe erledigen.

Eine Entschuldigung aussprechen.

Oder eine Information einholen.

Dann tu es.

Und wenn du nichts tun kannst?

Dann kommt der zweite Satz:

„Was darf ich für diesen Moment loslassen?“

Das bedeutet nicht, dass du aufgibst.

Es bedeutet, dass du aufhörst, Energie an etwas zu verschwenden, das gerade außerhalb deiner Reichweite liegt.


Und jetzt wird es interessant

Vielleicht denkst du:

„Das klingt ja schön. Aber im echten Leben funktioniert das doch nicht immer.“

Stimmt.

Natürlich nicht.

Wenn du einen geliebten Menschen verlierst, hilft kein philosophischer Satz darüber, was du kontrollieren kannst.

Wenn du krank wirst, kannst du nicht einfach beschließen, dich darüber nicht zu ärgern.

Wenn jemand dich verletzt, verschwindet der Schmerz nicht durch einen Gedanken.

Stoizismus bedeutet nicht Gefühllosigkeit.

Und genau das wird häufig missverstanden.

Die Stoiker wollten nicht, dass Menschen nichts mehr fühlen.

Sie wollten, dass Menschen lernen, nicht von jedem inneren Impuls regiert zu werden.

Das ist etwas völlig anderes.


Glück bedeutet nicht, dass alles unter Kontrolle ist

Wahrscheinlich ist das sogar eine der wichtigsten Erkenntnisse dieser gesamten Reihe.

Glück bedeutet nicht:

Alles läuft so, wie ich es möchte.

Glück bedeutet auch nicht:

Ich habe keine Sorgen mehr.

Und schon gar nicht:

Ich bin den ganzen Tag gut gelaunt.

Ein stabiles inneres Wohlbefinden kann vielmehr daraus entstehen, dass du dich selbst auch dann als handlungsfähig erlebst, wenn das Leben gerade nicht nach deinem Drehbuch spielt.

Du kannst nicht bestimmen, was geschieht.

Aber du kannst immer wieder neu prüfen:

Was ist jetzt mein nächster sinnvoller Schritt?


Die Birkenbihl-Frage

An dieser Stelle würde ich Vera F. Birkenbihl gerne an den Tisch holen.

Sie hatte eine besondere Begabung dafür, komplizierte Denkprozesse auf eine einfache Frage herunterzubrechen.

Für dieses Thema wäre eine wunderbare Frage:

„Was kann ich daraus machen?“

Nicht:

Warum passiert mir das?

Warum ist der andere so?

Warum ist das Leben ungerecht?

Sondern:

Was kann ich daraus machen?

Diese Frage verändert die Richtung des Denkens.

Sie führt weg von der Endlosschleife und hin zu Handlungsmöglichkeiten.

Und genau das ist Lernen:

Nicht nur Informationen aufnehmen.

Sondern neue Möglichkeiten entwickeln.


Dein 5-Minuten-Kontroll-Check

Hier kommt die Übung, mit der ich diese erste Glücksreihe gerne abschließen möchte.

Nimm dir fünf Minuten.

Schreibe eine Situation auf, die dich gerade beschäftigt.

Dann teile ein Blatt in zwei Spalten:

IN MEINER HAND

Was kann ich beeinflussen?

Was kann ich entscheiden?

Was kann ich sagen?

Was kann ich tun?

NICHT IN MEINER HAND

Was kann ich nicht erzwingen?

Was gehört zum Verhalten anderer?

Was ist bereits geschehen?

Was kann ich nicht vorhersehen?

Und dann kommt der entscheidende Schritt:

Wähle genau eine Sache aus der ersten Spalte.

Nicht zehn.

Eine.

Und tue sie.

Danach legst du die zweite Spalte bewusst zur Seite.

Nicht für immer.

Nur für heute.


Vielleicht ist genau das Freiheit

Wir sprechen so oft davon, frei sein zu wollen.

Mehr Freiheit.

Mehr Möglichkeiten.

Mehr Unabhängigkeit.

Doch eine ganz andere Form von Freiheit entsteht, wenn wir erkennen:

Ich muss nicht alles kontrollieren, um mein Leben gestalten zu können.

Ich darf unterscheiden.

Was gehört zu mir?

Was gehört zum anderen?

Was kann ich verändern?

Was muss ich akzeptieren?

Wo lohnt sich Handeln?

Wo kostet mich Widerstand nur Kraft?

Diese Unterscheidung ist kein Rückzug aus dem Leben.

Im Gegenteil.

Sie bringt dich zurück ins Leben.

Dorthin, wo du tatsächlich etwas bewegen kannst.


Und damit schließt sich der Kreis

Schau einmal zurück auf unsere fünf Folgen.

Wir haben begonnen mit der Erkenntnis:

Dein Gehirn ist lernfähig.

Dann haben wir entdeckt:

Deine Aufmerksamkeit entscheidet mit, was dein Gehirn stärker verarbeitet.

Wir haben Dankbarkeit als eine Möglichkeit kennengelernt, positive Erfahrungen bewusster wahrzunehmen.

Wir haben gesehen, warum unser Gehirn sich an Verbesserungen gewöhnt und weshalb „mehr“ nicht automatisch zu dauerhaft mehr Zufriedenheit führt.

Und nun landen wir bei einer vielleicht noch wichtigeren Frage:

Wo setze ich meine Energie überhaupt ein?

Denn genau darum geht es am Ende.

Nicht darum, ein ständig glücklicher Mensch zu werden.

Sondern darum, bewusster mit dem eigenen Leben umzugehen.


Dein Gehirn ist nicht dein Schicksal

Das ist der Gedanke, den ich dir aus dieser Reihe mitgeben möchte.

Dein Gehirn hat gelernt, was es heute kann.

Und es kann weiterlernen.

Du kannst lernen, deine Aufmerksamkeit anders zu lenken.

Du kannst lernen, schöne Erfahrungen bewusster aufzunehmen.

Du kannst lernen, Dankbarkeit nicht nur zu denken, sondern zu erleben.

Du kannst lernen, den Unterschied zwischen Wunsch und wirklichem Bedürfnis zu erkennen.

Und du kannst lernen, deine Energie dort einzusetzen, wo sie etwas bewirken kann.

Das ist keine Magie.

Es ist auch kein Versprechen auf ein Leben ohne Schmerz.

Es ist etwas viel Realistischeres:

die Fähigkeit, bewusster mit dem eigenen Leben umzugehen.

Vielleicht ist genau das eine der vernünftigsten Definitionen von Glück.

Nicht:

„Mir passiert nur Gutes.“

Sondern:

„Was auch immer mir begegnet – ich kann lernen, damit umzugehen.“


🍀 Ein letzter Impuls

Wenn du heute nur eine einzige Sache ausprobierst, dann diese:

Wenn dich etwas beschäftigt, halte inne und frage:

„Liegt das gerade in meiner Hand?“

Wenn ja:

Tu etwas.

Wenn nein:

Atme.

Und dann richte deine Aufmerksamkeit auf das, was jetzt tatsächlich möglich ist.

Manchmal verändert sich dadurch nicht die Situation.

Aber etwas anderes verändert sich:

deine Position innerhalb der Situation.

Und genau dort kann Veränderung beginnen.


Wie es weitergeht

Diese fünf Folgen waren kein Ende der Reise.

Eher eine Tür.

Denn aus den Fragen rund um Glück entstehen noch viele weitere spannende Themen:

Was macht unser Nervensystem mit unserer Stimmung?

Warum können Bewegung und Atmung unsere emotionale Verfassung beeinflussen?

Was passiert bei Stress im Gehirn?

Warum schlafen wir schlecht, obwohl wir müde sind?

Wie entstehen Gewohnheiten?

Warum sabotieren wir manchmal genau das, was wir eigentlich wollen?

Und vor allem:

Wie wird aus Wissen tatsächlich Veränderung?

Genau dort wird aus „Glück kann man lernen“ ein praktischer Werkzeugkasten für deinen Alltag.

Denn ein Aha-Moment ist wunderbar.

Aber der wirklich spannende Moment kommt danach:

Was machst du daraus?




📚 Quellen & wissenschaftlicher Hintergrund

Stress, Kontrolle und Wohlbefinden

Die Forschung zur wahrgenommenen Kontrolle und zum Locus of Control  beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Frage, wie unser Erleben von Einflussmöglichkeiten mit Stress und Gesundheit zusammenhängt. Übersichtsarbeiten zeigen relevante Zusammenhänge zwischen Kontrollüberzeugungen, Stressoren und psychischer bzw. körperlicher Gesundheit. (Wiley Online Library)

Kontrollierbarkeit und Stressreaktion

Experimentelle Forschung hat untersucht, wie wahrgenommene Kontrolle die psychische und körperliche Stressreaktion beeinflussen kann. Dabei zeigte sich unter anderem, dass wahrgenommene Kontrollmöglichkeiten die subjektive Stressbelastung beeinflussen können; die biologischen Effekte sind jedoch komplex und nicht bei allen Menschen gleich. (DOI)

Neuere Forschung zu Resilienz

Eine 2026 veröffentlichte Studie in Translational Psychiatry untersucht wahrgenommene Kontrolle ausdrücklich als möglichen Resilienzfaktor und betrachtet Zusammenhänge mit neuronalen, hormonellen und emotionalen Stressreaktionen. (Nature)

Stoische Philosophie

Die Unterscheidung zwischen dem, was in unserer Verfügung steht, und dem, was nicht von uns abhängt, gehört zum Kern der Lehre des Epiktet. Bei Marcus Aurelius finden sich verwandte Überlegungen zum Verhältnis zwischen äußeren Ereignissen und unseren Urteilen darüber. Für Zitate und Übersetzungen ist Vorsicht sinnvoll, da viele heute verbreitete Marcus-Aurelius-Zitate moderne Paraphrasen und keine wörtlichen Übersetzungen sind. (Marcus Aurelius Meditations)

Weiterführend: Epiktet, Handbüchlein der Moral

Marcus Aurelius, Selbstbetrachtungen

Forschung zu Perceived Control, Locus of Control und Stressregulation Forschung zu Resilienz, Selbstwirksamkeit und Stressverarbeitung


Ich habe den Abschluss bewusst nicht mit einem „Jetzt beginnt dein glücklicheres Leben“-Versprechen beendet. Das würde der bisherigen Reihe widersprechen.

Der stärkere Aha-Punkt ist: Glück bedeutet nicht Kontrolle über das Leben, sondern einen zunehmend bewussten Umgang mit dem, was das Leben uns vorlegt. 

Die Quellenbox ist dabei bewusst wissenschaftlich sauberer formuliert als die vorherigen Folgen; insbesondere bei Marcus Aurelius habe ich populäre, aber unsichere Zitate vermieden. (PiFl Labs)

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