Glück kann man lernen (Teil 4) Die Glücksfalle – warum mehr oft nicht genug ist

Aktualisiert: vor 3 Tagen

Ein fiktiver Rundgang durch die spannendsten Erkenntnisse der Glücksforschung
Heute betrete ich einen Konferenzsaal der besonderen Art.
Die besten Köpfe aus Neurobiologie, Psychologie, Philosophie und Verhaltensforschung sind versammelt.
Das Thema:
"Warum glauben so viele Menschen, dass sie glücklicher wären, wenn sie nur etwas mehr hätten?"
Mehr Zeit.
Mehr Geld.
Mehr Anerkennung.
Mehr Erfolg.
Mehr Sicherheit.
Mehr Urlaub.
Mehr Freiheit.
Mehr...
Ja, mehr von allem.
Ich nehme Platz und beginne die erste Frage.
"Herr Professor, warum reicht es nie?"
Als Erstes wende ich mich an den Psychologen Daniel Kahneman.
Er lächelt.
"Das Interessante ist nicht, dass Menschen mehr wollen. Das Interessante ist, wie schnell sie sich an Verbesserungen gewöhnen."
Er erklärt, dass unser Gehirn Veränderungen liebt, Dauerzustände jedoch schnell als normal betrachtet.
Das neue Auto.
Die größere Wohnung.
Die Gehaltserhöhung.
Die neue Uhr.
Die langersehnte Reise.
Anfangs fühlt sich alles großartig an.
Dann geschieht etwas Merkwürdiges.
Das Außergewöhnliche wird gewöhnlich.
Das Gehirn verschiebt die Messlatte.
Und plötzlich beginnt die Suche von vorne.
Willkommen auf dem Glückslaufband
Neben Kahneman sitzt der Psychologe Philip Brickman.
Er prägte gemeinsam mit Kollegen eine Erkenntnis, die heute als "hedonistische Anpassung" bekannt ist.
Ich frage ihn:
"Was bedeutet das in einfachen Worten?"
Er antwortet:
"Menschen gewöhnen sich an fast alles."
An gute Entwicklungen.
An neue Lebensumstände.
Sogar an viele Dinge, von denen sie überzeugt waren, dass diese sie dauerhaft glücklich machen würden.
Kurz gesagt:
Das Gehirn sagt erstaunlich häufig:
"Schön. Und was kommt jetzt?"
Das Smartphone-Experiment des Lebens
Stell dir Folgendes vor:
Du kaufst ein neues Smartphone.
Am ersten Tag behandelst du es wie ein rohes Ei.
Du bewunderst das Display.
Die Geschwindigkeit.
Die Kamera.
Eine Woche später ist die Begeisterung bereits etwas kleiner.
Nach drei Monaten liegt es irgendwo auf dem Tisch.
Nach einem Jahr erscheint plötzlich ein neues Modell.
Und auf einmal wirkt dein einstiges Traumgerät überraschend gewöhnlich.
Das Smartphone hat sich nicht verändert.
Deine Wahrnehmung hat sich verändert.
Genau das passiert mit vielen Dingen im Leben.
Gerald Hüther meldet sich zu Wort
Der Neurobiologe Gerald Hüther lehnt sich nach vorne.
"Das Problem ist nicht, dass Menschen Wünsche haben."
Alle nicken.
"Dann ist das Streben nach mehr also nicht falsch?", frage ich.
"Nein", antwortet er.
"Problematisch wird es erst, wenn Menschen glauben, das nächste Ziel würde ihnen dauerhaft das geben, was sie eigentlich suchen."
Stille im Raum.
Ein Satz, der hängen bleibt.
Denn viele Menschen suchen hinter ihren Zielen etwas ganz anderes:
Verbundenheit.
Bedeutung.
Lebendigkeit.
Anerkennung.
Innere Ruhe.
Doch oft werden diese Bedürfnisse an äußere Dinge geknüpft.
Vera Birkenbihl grinst
Nun meldet sich Vera F. Birkenbihl.
Mit ihrem typischen Humor würde sie vermutlich fragen:
"Und? Wie oft bist du schon am Ziel angekommen?"
Lachen im Saal.
Dann fährt sie fort:
"Die spannende Frage lautet doch: Wie viele Ziele hast du bereits erreicht, die du früher für die Lösung deiner Probleme gehalten hast?"
Autsch.
Das sitzt.
Denn wenn wir ehrlich sind:
Viele Dinge, die wir uns vor zehn Jahren gewünscht haben, besitzen wir heute längst.
Und trotzdem stehen neue Wünsche auf der Liste.
Die große Verwechslung
Hier meldet sich ein weiterer Gast zu Wort:
Der Psychologe Martin Seligman.
"Menschen verwechseln häufig Vergnügen mit Erfüllung."
Er erklärt:
Vergnügen ist angenehm.
Ein gutes Essen.
Ein schönes Geschenk.
Ein Urlaub.
Ein Kauf.
Ein Erfolgserlebnis.
All das ist wunderbar.
Doch Vergnügen hat eine Eigenschaft:
Es vergeht.
Erfüllung entsteht dagegen oft dort, wo Menschen ihre Fähigkeiten einsetzen, Beziehungen pflegen, wachsen und Sinn erleben.
Deshalb kann ein kurzer Moment des Helfens manchmal länger nachwirken als ein spontaner Einkauf.
Der Stoiker im Publikum hebt die Hand
Ganz hinten sitzt ein älterer Herr.
Es ist Epiktet.
Er wartet geduldig, bis er an der Reihe ist.
Dann sagt er:
"Wer sein Glück an Bedingungen knüpft, macht sich abhängig."
Wieder wird es still.
Denn viele von uns führen unbewusst Verhandlungen mit dem Leben:
Wenn ich erst mehr Zeit habe ...
Wenn ich erst in Rente bin ...
Wenn die Kinder größer sind ...
Wenn ich umziehe ...
Wenn ich endlich ...
Und so verschieben wir unser Glück immer weiter in die Zukunft.
Die eigentliche Überraschung
Nun frage ich die Experten:
"Was macht Menschen langfristig glücklicher?"
Mehrere Hände gehen gleichzeitig hoch.
Die Antworten ähneln sich erstaunlich:
Sinnvolle Beziehungen
Dankbarkeit
Verbundenheit
Flow-Erlebnisse
Körperliche Aktivität
Selbstwirksamkeit
Das Gefühl, etwas beitragen zu können
Keiner nennt Luxusuhren.
Keiner nennt Statussymbole.
Keiner nennt die Zahl auf dem Bankkonto.
Natürlich können materielle Dinge das Leben angenehmer machen.
Doch sie scheinen selten die Quelle nachhaltiger Zufriedenheit zu sein.
Das Experiment der kommenden Woche
Hier kommt eine Übung, die zunächst seltsam wirkt.
Immer wenn du in den nächsten Tagen denkst:
"Wenn ich erst ... dann werde ich glücklich sein."
Halte kurz inne.
Ergänze den Satz:
"Und was verspreche ich mir eigentlich davon?"
Beispiel:
"Wenn ich mehr Geld hätte ..."
Was verspreche ich mir davon?
Sicherheit?
Freiheit?
Entspannung?
Anerkennung?
Dann frage weiter:
Gibt es einen kleinen Teil davon bereits heute?
Genau hier beginnt ein Perspektivwechsel.
Denn häufig suchen wir in der Zukunft etwas, das bereits jetzt in kleinen Dosen vorhanden sein könnte.
Das eigentliche Aha
Nach mehreren Stunden endet die Konferenz.
Die Experten packen ihre Unterlagen zusammen.
Ein Gedanke bleibt im Raum zurück:
Mehr ist nicht automatisch besser.
Und noch wichtiger:
Das Gehirn gewöhnt sich schneller an äußere Veränderungen, als wir glauben.
Deshalb liegt nachhaltiges Glück oft nicht darin, immer mehr zu bekommen.
Sondern darin, bewusster wahrzunehmen.
Bewusster zu leben.
Bewusster zu erleben.
Ausblick auf Teil 5
In der nächsten Folge treffen wir einen alten Bekannten wieder:
Marcus Aurelius.
Gemeinsam mit moderner Stressforschung beantwortet er eine Frage, die Millionen Menschen beschäftigt:
Warum verschwenden wir so viel Energie auf Dinge, die wir gar nicht kontrollieren können?
Und weshalb beginnt Gelassenheit genau dort, wo wir lernen, zwischen Einfluss und Ohnmacht zu unterscheiden?
Eine Erkenntnis, die heute aktueller ist als vor 2000 Jahren.



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