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Glück kann man lernen (Teil 3)

Autorenbild: Tine Kerst
Tine Kerst
15. Juni
5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 4. Sept.



Dankbarkeit – warum sie dein Gehirn verändert und weshalb sie viel mehr ist als positives Denken


In der letzten Folge haben wir uns mit einer spannenden Frage beschäftigt:

Worauf trainierst du dein Gehirn eigentlich Tag für Tag?


Aufmerksamkeit ist niemals neutral.

Sie wirkt wie ein innerer Scheinwerfer.

Sie entscheidet darüber, welche Erfahrungen hervorgehoben werden, welche Erinnerungen stärker verankert werden und welche Aspekte unseres Lebens in den Hintergrund treten.


Am Ende des Beitrags sind wir auf einen besonderen Zustand gestoßen:

Momente, in denen Menschen so sehr in einer Tätigkeit aufgehen, dass sie Zeit und Umgebung beinahe vergessen.


Der Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi nannte diesen Zustand "Flow".

Viele kennen ihn:

Beim Musizieren.

Beim Schreiben.

Beim Gärtnern.

Beim Malen.

Beim Wandern.

Beim Yoga.

Bei einem tiefen Gespräch.


Plötzlich verschwindet das ständige innere Kommentieren.

Die Gedanken werden leiser.

Das Grübeln tritt in den Hintergrund.

Und für eine Weile scheint alles erstaunlich einfach.


Interessanterweise berichten Menschen in solchen Momenten häufig nicht von Euphorie.

Sondern von etwas anderem:

Von Stimmigkeit.

Von Verbundenheit.

Von innerem Frieden.


Was hat Flow mit Meditation gemeinsam?


Auf den ersten Blick wirken Flow und Meditation sehr unterschiedlich.

In der Meditation sitzt du vielleicht still.

Im Flow bist du aktiv.


Doch unter der Oberfläche gibt es bemerkenswerte Gemeinsamkeiten.

In beiden Zuständen verliert das ständige gedankliche Kreisen an Bedeutung.

Die Aufmerksamkeit sammelt sich.

Sie springt nicht mehr ununterbrochen zwischen Vergangenheit und Zukunft hin und her.

Der Geist wird ruhiger.


Viele neurowissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass in meditativen Zuständen bestimmte Hirnregionen, die mit Selbstbewertung, Grübeln und gedanklichem Abschweifen verbunden sind, deutlich weniger aktiv werden.


Etwas Ähnliches geschieht häufig im Flow.

Für eine gewisse Zeit tritt das ständige "Ich" in den Hintergrund.


Es entsteht ein Gefühl von Gegenwärtigkeit.


Genau deshalb beschreiben viele Menschen sowohl Meditation als auch Flow als zutiefst erfüllend.

Und zwar nicht weil sie etwas bekommen, sondern weil sie für einen Moment aufhören, ständig etwas anderes zu wollen.



Die erstaunliche Nähe zwischen Dankbarkeit und Meditation


Damit kommen wir zu einem Thema, das häufig missverstanden wird:

Dankbarkeit.


Sobald das Wort fällt, denken manche Menschen an Kalendersprüche.

An positives Denken.

An künstlichen Optimismus.


Doch Dankbarkeit hat mit all dem wenig zu tun.

Dankbarkeit bedeutet nicht:

"Alles ist wunderbar."

Dankbarkeit bedeutet auch nicht:

"Es gibt keine Probleme."


Dankbarkeit bedeutet vielmehr:

Das wahrzunehmen, was gleichzeitig mit den Problemen ebenfalls vorhanden ist.


Das ist ein entscheidender Unterschied, denn das Leben besteht selten nur aus Licht oder nur aus Schatten.

Beides existiert meist nebeneinander.


Die Frage lautet:

Was wird von deinem Bewusstsein erfasst?


Eine Geschichte aus dem Alltag


Stell dir zwei Menschen vor.

Beide erleben denselben Tag.

Beide haben Herausforderungen.

Beide sind müde.

Beide müssen Entscheidungen treffen.


Am Abend fragt sich der erste:

"Was war heute anstrengend?"


Der zweite fragt sich:

"Was war heute anstrengend – und was war trotzdem gut?"


Der Unterschied scheint klein.


Doch neurobiologisch betrachtet entsteht etwas völlig anderes.


Der erste Mensch aktiviert ausschließlich die Erinnerung an Belastungen.

Der zweite erweitert den Blickwinkel.


Nicht durch Selbsttäuschung, sondern durch Vollständigkeit.

Genau dieser kleine Unterschied macht Dankbarkeit so wirksam.



Das Gehirn speichert nicht alles gleich ab


Eine Erkenntnis der modernen Hirnforschung lautet:


Erfahrungen allein verändern uns nicht.

Entscheidend ist, wie bewusst wir sie erleben.


Der Neuropsychologe Rick Hanson beschreibt dies mit einem einfachen Bild:

Positive Erfahrungen gleichen oft Regentropfen auf einer heißen Steinplatte.

Sie erscheinen kurz und verdunsten wieder.


Belastende Erfahrungen dagegen hinterlassen häufig deutlich tiefere Spuren.

Deshalb reicht es oft nicht aus, etwas Schönes zu erleben.

Wir müssen diesen Erfahrungen Aufmerksamkeit schenken.

Wir müssen einen Moment darin verweilen.

Wir müssen bewusst wahrnehmen, welche Wirkung diese Erfahrungen auf uns haben.


Erst dann erhält das Gehirn die Chance, daraus stabile neuronale Verbindungen aufzubauen.



Vera Birkenbihl hätte gefragt: "Wo ist dein Fokus?"


Die Lernforscherin Vera F. Birkenbihl machte immer wieder deutlich:

Unser Gehirn lernt ständig.


Die eigentliche Frage lautet:


Was lernt es gerade?


Wenn du täglich fünf Minuten damit verbringst, über Ärger nachzudenken, trainierst du Ärger.

Wenn du täglich fünf Minuten damit verbringst, über Sorgen nachzudenken, trainierst du Sorgen.


Wenn du täglich bewusst wahrnimmst, was dir Kraft gibt, trainierst du eine andere Perspektive.

Nicht weil du Probleme verdrängst, sondern weil dein Gehirn lernt, die gesamte Wirklichkeit wahrzunehmen.


Die Dankbarkeitsübung, die alles verändert


Ich lade dich heute zu einem kleinen Experiment ein.


Setze dich heute Abend für zwei Minuten in Ruhe hin.

Schließe die Augen.

Denke an einen Menschen, eine Begegnung oder einen Moment, der dir heute gutgetan hat.

Lasse dir etwas Zeit dabei und gehe nicht sofort zum nächsten Gedanken.


Nun geschieht etwas Wichtiges:


Verweile in dem Moment, spüre, erinnere dich an Details, wie zum Beispiel:


an den Gesichtsausdruck

an die Atmosphäre

an das Gefühl

an die Situation


Verweile etwa sechzig Sekunden darin, mehr ist nicht nötig.


Dieses Verweilen unterscheidet eine echte Dankbarkeitspraxis von einem bloßen Aufschreiben.

Du erlaubst deinem Gehirn, die Erfahrung wirklich aufzunehmen.


Die Stoiker wussten erstaunlich viel darüber


Der stoische Philosoph Epiktet lehrte seine Schüler, nicht auf Probleme zu starren.

Er lehrte sie auch, Schwierigkeiten nicht zu ignorieren.

Er lehrte sie, bewusst wahrzunehmen, was bereits vorhanden ist.


Viele stoische Übungen zielten darauf ab, Selbstverständlichkeiten wieder wertzuschätzen.

Die eigene Gesundheit.

Freundschaften.

Die Möglichkeit zu lernen.

Die Fähigkeit zu handeln.


Die Stoiker verstanden etwas, das heute von der Psychologie bestätigt wird:


Was selbstverständlich erscheint, verschwindet aus dem Bewusstsein.

Und genau deshalb verschwindet oft auch das Gefühl von Dankbarkeit.


Warum Dankbarkeit nichts mit Naivität zu tun hat


Der Gedanke: "Wenn ich dankbar bin, nehme ich Probleme nicht mehr ernst," ist weit verbreitet, aber im Grunde ist das Gegenteil der Fall.


Dankbarkeit macht Probleme nicht kleiner.

Sie macht Ressourcen sichtbarer.

Sie erinnert dich daran, dass du mehr bist als deine Sorgen.

Dass dein Leben mehr enthält als Herausforderungen.

Dass neben Unsicherheit auch Stabilität existiert.

Neben Belastung auch Unterstützung.

Neben Schmerz auch Verbundenheit.


Probiere folgendes Experiment bis zur nächsten Folge


Stelle dir in den kommenden sieben Tagen nur eine einzige Frage:


Was hat mein Leben heute bereichert?


Nicht:

Wofür sollte ich dankbar sein?


Sondern:

Was hat mein Leben heute tatsächlich bereichert?


Eine Begegnung?

Ein Gedanke?

Ein Sonnenaufgang?

Eine Erkenntnis?

Ein Lachen?

Ein stiller Moment?

Schreibe jeden Abend eine Antwort auf.

Nur eine.

Aber nimm dir anschließend etwa eine Minute Zeit, sie wirklich zu erleben.



Ausblick auf Teil 4


Viele Menschen glauben, sie wären glücklicher, wenn sie mehr hätten.

Mehr Zeit.

Mehr Geld.

Mehr Erfolg.

Mehr Anerkennung.


Doch die Wissenschaft zeigt etwas Überraschendes:

Das Gehirn gewöhnt sich unglaublich schnell an Verbesserungen.


Warum das so ist, weshalb wir ständig nach dem Nächsten streben und wie wir aus dieser Glücksfalle aussteigen können, darum geht es in der nächsten Folge.


Wenn dir dieser Beitrag gefallen hat, dann schau wieder vorbei und erfahre in Folge 4, wie die Glücksfalle funktioniert und warum noch mehr oft nicht genug erscheint.



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