Glück kann man lernen (Teil 2)

Warum sich dein Gehirn an Kritik erinnert – und Komplimente oft verschwinden
Stell dir vor, du gehst durch einen wunderschönen Garten.
Überall blühen Blumen, es duftet, die Sonne scheint und die Vögel zwitschern. Alles ist friedlich und entspannt.
Doch plötzlich entdeckst du ein kleines Stück vertrocknete Pflanze.
Worauf richtet sich deine Aufmerksamkeit?
Genau!
Auf die Stelle, die nicht ins Bild passt.
Das passiert nicht, weil du negativ bist, sondern weil dein Gehirn Unterschiede registriert.
Abweichungen, Ungewohntes, einfach Dinge, die nicht ins Bild passen, Dinge, die aus dem Rahmen fallen.
Und man sollte es nicht glauben, aber genau das hat erstaunliche Auswirkungen auf dein Wohlbefinden.
Das Gehirn sucht nicht nach Glück
Diese Erkenntnis überrascht viele Menschen:
Dein Gehirn wurde nicht dafür entwickelt, dich glücklich zu machen.
Es wurde dafür entwickelt, dich handlungsfähig zu halten.
Der Neurobiologe Gerald Hüther beschreibt immer wieder, dass unser Gehirn kein starres Organ ist, sondern ein lebendiges Beziehungs- und Erfahrungsnetzwerk.
Es fragt fortlaufend:
"Worauf sollte ich achten?"
"Was ist wichtig?"
"Was könnte Bedeutung haben?"
Die Schwierigkeit besteht darin, dass das Gehirn nicht automatisch zwischen einer echten Bedrohung und einer gedanklichen Belastung unterscheidet.
Eine ungeklärte Situation, ein Konflikt, eine Sorge, eine Kränkung, all das kann im Gehirn eine erstaunlich starke Präsenz entwickeln.
Manche Menschen tragen einen einzigen verletzenden Satz jahrelang mit sich herum.
Während hunderte freundliche Worte längst vergessen sind.
Vera F. Birkenbihl stellte eine geniale Frage
Die Lernforscherin Vera F. Birkenbihl liebte einfache Fragen.
Eine davon lautete sinngemäß:
Worauf programmierst du dein Gehirn?
Denn das Gehirn lernt nicht nur durch Unterricht, Bücher oder Seminare.
Es lernt durch Aufmerksamkeit.
Was häufig Aufmerksamkeit bekommt, wird vom Gehirn als wichtig eingestuft.
Was selten Aufmerksamkeit bekommt, verliert an Bedeutung.
Das klingt simpel.
Die Konsequenzen sind jedoch enorm.
Wenn ein Mensch täglich darüber nachdenkt,
was ihm fehlt,
was schiefgehen könnte,
was andere besser können,
was er falsch gemacht hat,
dann entsteht im Gehirn ein hoch trainiertes Netzwerk für genau diese Denkweise.
Diese negative Denkweise entwickelt sich nicht aus Absicht oder Bosheit,
jedoch durch die ständige Fokussierung auf das, was nicht ok ist.
Durch Wiederholung wird das Gehirn zu dem, was es regelmäßig übt.
Der Denkfehler vieler Menschen
Viele glauben:
"Wenn ich erst glücklicher werde, werde ich automatisch positiver denken."
Die Hirnforschung deutet auf etwas anderes hin.
Oft geschieht der Prozess genau umgekehrt.
Die Art, wie wir unsere Aufmerksamkeit lenken, beeinflusst langfristig unser Erleben.
Das bedeutet nicht, Probleme schönzureden.
Es bedeutet auch nicht, schwierige Gefühle zu verdrängen.
Es bedeutet lediglich, dem Gehirn mehr Informationen anzubieten als nur die belastenden.
Stell dir vor, du würdest jeden Tag ausschließlich Nachrichten über Krisen, Konflikte und Katastrophen lesen.
Wie würde dein Weltbild nach einigen Monaten aussehen?
Wahrscheinlich deutlich düsterer.
Nicht weil die Welt nur aus Problemen besteht.
Sondern weil dein Gehirn aus den verfügbaren Informationen ein Gesamtbild konstruiert.
Genau das geschieht auch im Alltag.
Die Übung, die dein Gehirn überrascht
Hier kommt eine Technik, die hervorragend zu Birkenbihls Denkansatz passt.
Wenn du möchtest, probiere es gleich heute aus!
Nimm ein Blatt Papier.
Ziehe in der Mitte einen Strich.
Links schreibst du:
Das fordert mich aktuell heraus
Rechts schreibst du:
Das unterstützt mich aktuell
Und dann beginne zu sammeln.
Viele Menschen füllen die linke Seite in wenigen Minuten.
Auf der rechten Seite entsteht zunächst Stille.
Doch genau diese Stille ist interessant.
Denn sie zeigt, wohin die Aufmerksamkeit bisher überwiegend gerichtet war.
Bleibe einige Minuten dabei.
Du wirst überrascht sein, wie viel Unterstützung bereits vorhanden ist:
Fähigkeiten
Erfahrungen
Menschen
Wissen
Chancen
Gewohnheiten
Ressourcen
Das Gehirn entdeckt oft erst beim bewussten Hinschauen, was längst da ist und was unser Handeln ganz automatisch auch im positiven Sinne beeinflusst.
Was Glück mit Vernetzung zu tun hat
Gerald Hüther spricht häufig davon, dass Entwicklung immer dort entsteht, wo Menschen neue Erfahrungen machen.
Nicht durch Druck.
Nicht durch ständige Selbstoptimierung.
Sondern durch lebendige Erfahrungen, die berühren.
Das gilt auch für Glück.
Viele Menschen behandeln Glück wie ein Ziel.
Als würde es irgendwann am Ende eines langen Weges auf sie warten.
Doch Glück entsteht häufig mitten im Prozess.
Immer dann, wenn wir uns verbunden fühlen.
Mit anderen Menschen.
Mit einer Aufgabe.
Mit der Natur.
Mit uns selbst.
Der Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi nannte diesen Zustand „Flow“.
Jene Momente, in denen wir ganz in einer Tätigkeit aufgehen und für kurze Zeit aufhören, ständig über uns selbst nachzudenken.
Interessanterweise berichten Menschen in solchen Momenten oft von tiefer Zufriedenheit.
Nicht weil alles perfekt ist.
Sondern weil sie vollständig präsent sind.
Ein kleines Experiment für die nächsten sieben Tage
Vera Birkenbihl hätte vermutlich gesagt:
"Mach ein Experiment daraus."
Also los.
Für die kommende Woche lautet die Aufgabe:
Notiere jeden Abend drei Dinge:
1. Was hat heute gut funktioniert?
Nicht großartig.
Nicht außergewöhnlich.
Einfach funktioniert.
2. Was hat mich heute unterstützt?
Ein Mensch.
Ein Gedanke.
Eine Fähigkeit.
Eine Gewohnheit.
3. Wofür habe ich heute meine Aufmerksamkeit verwendet?
Diese dritte Frage ist die wichtigste.
Denn sie zeigt, worauf du dein Gehirn gerade trainierst.
Der eigentliche Schlüssel
Die meisten Menschen versuchen, ihre Gefühle direkt zu verändern.
Das ist oft schwierig.
Deutlich leichter ist es, zunächst die Aufmerksamkeit zu verändern.
Denn Aufmerksamkeit ist wie ein Scheinwerfer.
Sie entscheidet, welcher Teil der Wirklichkeit sichtbar wird.
Je bewusster du diesen Scheinwerfer lenkst, desto vollständiger wird dein Bild vom Leben.
Und genau dort beginnt eine Form von Glück, die nichts mit Zufall zu tun hat.
Ausblick auf Teil 3
In der nächsten Folge beschäftigen wir uns mit einer Kraft, die häufig unterschätzt und manchmal sogar belächelt wird:
Dankbarkeit.
Warum verändert eine scheinbar einfache Dankbarkeitsübung nachweislich neuronale Netzwerke?




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