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Elternzeit: Was dein Kind heute braucht, bevor die Welt es verändert

Autorenbild: Tine Kerst
Tine Kerst
6. Juni
3 Min. Lesezeit

Kennst du diese Momente?



Du sitzt mit deinem Kind am Frühstückstisch. Nebenbei beantwortest du noch schnell eine Nachricht. Dann klingelt das Telefon. Im Kopf gehst du bereits die Termine des Tages durch. Dein Kind erzählt irgendetwas von einem Käfer, den es gestern entdeckt hat.

Du nickst.

Irgendwann.

Vielleicht.

Und plötzlich ist der Moment vorbei.

Kein Vorwurf. Kein schlechtes Gewissen.


Sondern eine Frage:


Wie viele dieser kleinen Momente gehen heute verloren, ohne dass wir es überhaupt bemerken?


Die Welt unserer Kinder hat sich verändert

Noch nie in der Geschichte waren Kinder so vielen Eindrücken ausgesetzt wie heute.

Sie wachsen in einer Welt auf, die laut, schnell und voller Ablenkungen ist. Smartphones, Tablets, soziale Medien, Nachrichten, Leistungsdruck, ständige Vergleiche und eine Flut von Informationen begleiten sie oft schon in jungen Jahren.


Während wir Erwachsenen lernen mussten, mit dieser Welt umzugehen, werden Kinder direkt hineingeboren.


Und genau deshalb wird etwas immer wichtiger:


Zeit. Echte Zeit.


Nicht die Zeit zwischen zwei Terminen.

Nicht die Zeit, während wir gleichzeitig E-Mails lesen.

Sondern die Zeit, in der wir wirklich da sind.


Was Kinder viel stärker prägt als Erziehungstipps


Der Schweizer Kinderarzt Remo Largo schrieb immer wieder, dass Kinder keine kleinen Erwachsenen sind, die nach einem festen Plan entwickelt werden können.


Jedes Kind bringt seine eigene Persönlichkeit, sein eigenes Tempo und seine eigenen Bedürfnisse mit.


Kinder entwickeln sich nicht deshalb gut, weil ihre Eltern alles richtig machen.

Sie entwickeln sich gut, wenn sie sich angenommen fühlen.


Wenn sie erleben:


"Ich darf so sein, wie ich bin."


Das klingt einfach.

Doch genau hier beginnt die Herausforderung unserer Zeit.

Denn viele Eltern möchten alles richtig machen.


Fördern.

Unterstützen.

Begleiten.

Beschützen.


Dabei übersehen wir manchmal etwas Entscheidendes:

Kinder brauchen keine perfekten Eltern.

Sie brauchen erreichbare Eltern.


Die unsichtbare Frage hinter jedem "Schau mal!"


Wenn dein Kind ruft:

"Papa, schau mal!"

oder

"Mama, schau mal!"

geht es selten nur um das Bild, den Turm aus Bauklötzen oder den Purzelbaum.


Hinter diesen Worten steckt oft eine viel tiefere Frage:

"Siehst du mich?"

"Bin ich wichtig?"

"Nimmst du wahr, was mich bewegt?"


Die Familientherapeutin Virginia Satir war überzeugt, dass Menschen dort wachsen, wo sie sich gesehen und wertgeschätzt fühlen.


Das gilt besonders für Kinder.

Jeder Blick.

Jedes Zuhören.

Jedes gemeinsame Lachen.

Jede Umarmung.

All das sendet eine Botschaft:

"Du bist wichtig."


Vertrauen entsteht nicht durch Worte


Viele Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder selbstbewusst werden.

Dass sie ihren Weg gehen.

Dass sie Herausforderungen meistern.


Doch Selbstvertrauen entsteht nicht durch gut gemeinte Sätze wie:

"Du schaffst das schon."


Es entsteht durch Erfahrungen.


Der Entwicklungsforscher Manuel Bohn beschäftigt sich intensiv mit der Frage, wie Menschen lernen und Beziehungen erleben.

Seine Forschung zeigt immer wieder, wie sehr Kinder auf verlässliche soziale Beziehungen angewiesen sind.


Vertrauen wächst, wenn ein Kind erlebt:


  • Jemand hört mir zu.

  • Jemand nimmt meine Gefühle ernst.

  • Ich darf Fehler machen.

  • Ich werde nicht sofort bewertet.

  • Ich kann mich auf meine Bezugspersonen verlassen.


Diese Erfahrungen bilden ein inneres Fundament.

Ein Fundament, auf das ein Mensch oft sein ganzes Leben zurückgreift.


Die größte Konkurrenz um die Aufmerksamkeit deines Kindes ist nicht allein das Smartphone


Viele Eltern sorgen sich darüber, wie viel Zeit ihre Kinder vor Bildschirmen verbringen.

Das ist verständlich.


Doch vielleicht sollten wir manchmal eine andere Frage stellen:


Wie oft erlebt mein Kind meine ungeteilte Aufmerksamkeit?


Kinder brauchen keine ständige Bespaßung.

Sie brauchen Verbindung.

Gemeinsam einen Kuchen backen.

Im Wald einen umgestürzten Baum erkunden.

Zusammen über einen misslungenen Witz lachen.

Vor dem Schlafengehen noch fünf Minuten reden.


Gerade diese unspektakulären Momente sind oft die Augenblicke, die Kinder ein Leben lang in Erinnerung behalten.


Elternzeit ist mehr als ein gesetzlicher Anspruch


Wenn wir von Elternzeit sprechen, denken viele zuerst an Monate, Anträge und berufliche Auszeiten.


Doch Elternzeit hat noch eine andere Bedeutung.


Sie beschreibt die bewusste Entscheidung, einem Menschen Zeit zu schenken.

Deinem Kind.

Zeit, in der es nicht funktionieren muss.

Zeit, in der es erzählen darf.

Zeit, in der es Fragen stellen kann.

Zeit, in der Beziehung wachsen darf.


Denn Kinder erinnern sich später selten daran, welches Spielzeug sie bekommen haben.

Sie erinnern sich daran, wie sie sich in deiner Nähe gefühlt haben.


Ob sie sich sicher gefühlt haben.

Ob sie sich verstanden gefühlt haben.

Ob sie das Gefühl hatten:

"Da war jemand, der wirklich Zeit für mich hatte."


Eine Frage zum Schluss


Stell dir vor, dein Kind ist 30 Jahre alt und erzählt von seiner Kindheit.

An welche gemeinsamen Momente soll es sich erinnern?

Vielleicht liegt die Antwort nicht in einem perfekten Familienleben.

Vielleicht liegt sie in den kleinen Augenblicken, die heute so leicht übersehen werden.


Denn für Kinder ist Zeit nicht einfach Zeit.


Zeit bedeutet:

Ich sehe dich.

Ich höre dich.

Du bist wichtig.


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