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Die stille Trauer der Eltern – und der Schmerz der Kinder

Autorenbild: Tine Kerst
Tine Kerst
8. Juni
5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 4. Sept.


Über einen Verlust, über den kaum jemand spricht


Es gibt Schmerzen, die jeder versteht.


Wenn ein geliebter Mensch stirbt, wissen die Menschen um uns herum, was zu tun ist. Sie sprechen ihr Mitgefühl aus. Sie fragen nach. Sie zeigen Verständnis.


Doch es gibt eine andere Art von Schmerz.

Einen Schmerz, für den es kaum Worte gibt.

Einen Schmerz, den viele Menschen jahrelang mit sich herumtragen, ohne darüber zu sprechen.


Es ist der Schmerz, wenn zwischen Eltern und Kindern etwas zerbricht.

Nicht durch einen plötzlichen Streit.

Nicht durch ein einzelnes Ereignis.

Sondern langsam.

Fast unmerklich.

Bis eines Tages nur noch Distanz übrig bleibt.


Vielleicht bist du Mutter oder Vater.

Dann kennst du möglicherweise diesen Blick aufs Handy.

Die Hoffnung auf eine Nachricht.

Auf einen Anruf.

Auf irgendein Zeichen.


Vielleicht erzählst du anderen Menschen:

„Die Kinder haben eben viel zu tun.“


Doch tief in deinem Inneren stellst du dir eine ganz andere Frage:

Was ist passiert?

Wann habe ich mein Kind verloren?

Und vor allem:

War ich wirklich so eine schlechte Mutter? So ein schlechter Vater?


Diese Fragen können quälend sein.

Weil sie nicht nur die Beziehung zum Kind betreffen.

Sondern den eigenen Wert als Mensch.


Für viele Eltern ist Mutter oder Vater zu sein nicht einfach eine Rolle.

Es ist ein Teil ihrer Identität.


Vielleicht liest du diesen Beitrag aber als erwachsene Tochter oder erwachsener Sohn.

Dann erlebst du die Situation möglicherweise völlig anders.


Vielleicht hast du dich nicht plötzlich entfernt.

Vielleicht hast du über Jahre versucht, Dinge anzusprechen.

Vielleicht hast du gehofft, verstanden zu werden.

Vielleicht hast du immer wieder gezweifelt, ob deine Gefühle überhaupt berechtigt sind.


Und vielleicht begleitet dich heute ein anderer Schmerz:

Der Schmerz, sich schützen zu müssen vor Menschen, die man eigentlich lieben möchte.


Genau hier beginnt etwas, das viele Familien nicht verstehen.

Beide Seiten leiden.

Doch beide leiden aus unterschiedlichen Gründen.


Eltern leiden häufig an der Distanz.


Kinder leiden häufig an dem, was sie zur Distanz geführt hat.


Und weil beide nur ihren eigenen Schmerz sehen, entsteht oft etwas Tragisches:

Jeder fühlt sich unverstanden.


Viele Eltern sagen:

„Ich habe doch alles für mein Kind getan.“


Und oft stimmt das sogar.

Sie haben gearbeitet.

Verzichtet.

Organisiert.

Getröstet.

Unterstützt.

Sie haben ihr Bestes gegeben.


Doch gleichzeitig gibt es erwachsene Kinder, die sagen:

„Ja, das hast du. Aber etwas Wichtiges hat trotzdem gefehlt.“


Genau dieser Widerspruch macht Familienkonflikte so schmerzhaft.


Denn beide Aussagen können gleichzeitig wahr sein.


Die meisten Eltern wollten ihre Kinder nicht verletzen.

Die wenigsten stehen morgens auf und beschließen:

„Heute schade ich meinem Kind.“


Eltern handeln meist aus Liebe.

Doch Liebe allein schützt nicht vor Fehlern.


Manchmal verletzen Menschen gerade dort, wo sie lieben.


Nicht aus Bosheit.

Sondern aus Unwissenheit.

Aus Überforderung.

Aus eigenen ungelösten Wunden.

Aus Ängsten.


Oder weil sie selbst nie gelernt haben, Gefühle wahrzunehmen und darüber zu sprechen.


Viele Kinder wachsen mit Eltern auf, die sie lieben.

Und dennoch fehlt etwas.

Vielleicht das Gefühl, wirklich verstanden zu werden.

Vielleicht emotionale Nähe.

Vielleicht das Gefühl:

„Ich darf so sein, wie ich bin.“


Manche Kinder tragen solche Erfahrungen jahrzehntelang in sich.

Nicht weil sie nachtragend sind.

Sondern weil bestimmte Bedürfnisse nie erfüllt wurden.


Und genau hier entsteht ein großes Missverständnis.

Viele Eltern erleben die Distanz ihres Kindes als Ablehnung.

Viele Kinder erleben ihre Distanz als Selbstschutz.


Das ist nicht dasselbe.

Und doch führt beides häufig in dieselbe Sackgasse.


Vielleicht hilft ein Bild.

Stell` dir vor, zwei Menschen stehen auf gegenüberliegenden Seiten eines Flusses.

Beide rufen.

Beide wollen gehört werden.


Doch das Wasser dazwischen verschluckt die Worte.


Die Mutter ruft:

„Siehst du denn nicht, wie sehr ich dich liebe?"


Die Tochter ruft:

„Siehst du denn nicht, wie sehr ich gelitten habe?"


Der Vater ruft:

„Warum kommst du nicht mehr?"


Der Sohn ruft:

„Warum hast du nie gefragt, wie es mir wirklich geht?"


Beide sprechen.

Doch keiner fühlt sich gehört.

Vielleicht ist das die eigentliche Tragödie vieler Familien.

Nicht die Fehler.

Nicht die Konflikte.

Nicht einmal die Distanz.


Sondern die Tatsache, dass hinter all dem oft dieselbe Sehnsucht steckt.


Die Sehnsucht, gesehen zu werden.

Verstanden zu werden.

Wichtig zu sein.


Besonders schmerzhaft wird es, weil diese Beziehungen so tief mit unserer Identität verbunden sind.


Wenn eine Freundschaft endet, tut das weh.

Wenn eine Partnerschaft zerbricht, kann das erschütternd sein.


Doch wenn die Beziehung zum eigenen Kind oder zu den eigenen Eltern zerbricht, wird oft etwas Grundlegendes berührt.


Viele Eltern fragen sich:

Wer bin ich noch, wenn mein Kind keinen Kontakt mehr möchte?


Viele Kinder fragen sich:

Warum fühle ich mich selbst heute noch nicht frei?


Der Verlust betrifft nicht nur die Beziehung.

Er betrifft das eigene Selbstbild.


Und vielleicht ist genau deshalb so viel Scham mit diesem Thema verbunden.


Eltern sprechen oft nicht darüber.

Weil sie Angst haben, verurteilt zu werden.


Kinder sprechen oft nicht darüber.

Weil sie Angst haben, als undankbar zu gelten.

So schweigen beide.

Und das Schweigen wird immer größer.


Nach vielen Gesprächen mit Familien fällt mir immer wieder eines auf:

Hinter der Wut sitzt oft Traurigkeit.

Hinter Vorwürfen sitzt oft Enttäuschung.

Hinter Rückzug sitzt oft Verletzlichkeit.

Und hinter Distanz sitzt erstaunlich oft Liebe.

Eine Liebe, die keinen Weg mehr gefunden hat, sich zu zeigen.


Wenn du Mutter oder Vater bist, möchte ich dir etwas sagen:

Vielleicht warst du nicht perfekt.

Wahrscheinlich sogar ganz sicher nicht.

Kein Mensch ist das.


Doch die Tatsache, dass du leidest, nachdenkst und verstehen willst, sagt oft mehr über dich aus als viele Fehler der Vergangenheit.


Wenn du Sohn oder Tochter bist, möchte ich dir ebenfalls etwas sagen:

Vielleicht sind deine Gefühle berechtigt.

Vielleicht gibt es gute Gründe für deinen Schmerz.

Und vielleicht solltest du nicht länger gegen dich selbst kämpfen, um zu rechtfertigen, was du empfindest.

Vielleicht ist mit dir weniger falsch, als du glaubst.

Vielleicht tragt ihr beide eine Last, die größer ist als das, was an der Oberfläche sichtbar wird.

Vielleicht stehen sich nicht zwei Gegner gegenüber.

Sondern zwei verletzte Menschen.

Jeder mit seiner Geschichte.

Jeder mit seiner Wahrheit.

Jeder mit seiner Sehnsucht.


Der erste Schritt zur Heilung besteht oft nicht darin, sofort Lösungen zu finden.

Sondern darin, zu erkennen:

Der Schmerz auf der anderen Seite macht den eigenen Schmerz nicht ungültig.


Beides darf gleichzeitig existieren.

Die Liebe.

Und die Verletzung.

Die guten Absichten.

Und die schmerzhaften Erfahrungen.

Die Sehnsucht nach Nähe.

Und das Bedürfnis nach Abstand.


Erst wenn wir aufhören, uns für eine Seite entscheiden zu müssen, entsteht Raum für etwas Neues.

Für Verständnis.

Für Mitgefühl.

Und vielleicht irgendwann auch wieder für Begegnung.


In der nächsten Folge:

„Ich habe doch alles für dich getan!“

Ein Satz, den viele Eltern voller Verzweiflung sagen.

Und ein Satz, der bei manchen Kindern alte Wunden öffnet.

Warum Liebe manchmal nicht ausreicht – und weshalb gute Absichten und verletzende Erfahrungen gleichzeitig wahr sein können.


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